Fotos: © Robert Wimmer

INTERVIEW Wiener Zeitung, Printausgabe 3. Oktober 2015

»Man muss immer offen für Neues sein«

Christine Dobretsberger im Gespräch mit Christa Ludwig

Kammersängerin Christa Ludwig blickt auf ihre lange künstlerische Laufbahn zurück, erinnert sich an ihre drei Lieblingsdirigenten, an die einzige wirkliche Primadonna, die sie kannte, und zieht eine optimistische Bilanz ihres Lebens als Musikerin und als "suchender Mensch".

"Wiener Zeitung": Frau Ludwig, es ist nun rund zwanzig Jahre her, dass Sie nach einer höchst erfolgreichen Sängerinnenkarriere Abschied von der Bühne genommen haben. Rückblickend betrachtet: Wie stark prägt die intensive Auseinandersetzung mit Musik die Seele?

Christa Ludwig: Ich denke, dass generell jeder Beruf einen Menschen in seinem Leben, in seiner Weltanschauung weiterbringen sollte. Das ist jetzt nicht nur bezeichnend für die Musik. Man lernt auch deshalb durch seinen Beruf, weil man neue Menschen kennen lernt.
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Was war für Sie prägender: die Musik oder die Menschen, mit denen Sie zu tun hatten?

Für mich war eigentlich in erster Linie der Text entscheidend. Wenn ein Werk keinen guten Text hatte, interessierte es mich nicht. Daher kommt auch meine Liebe zu Liedern, weil diese oft auf wunderbaren Gedichten basieren. Wenn man älter wird, kann man diese Gedichte überhaupt erst in ihrer Tiefe erfassen. Von diesen Texten lernt man auch, sein eigenes Leben zu meistern.
Christa Ludwig mit Christine Dobretsberger.

Ich nehme an, Sie sprechen von Dichtern wie Hugo von Hofmannsthal?

Ja, zwei Gedanken der Marschallin aus dem "Rosenkavalier" sind absolut zu meiner Lebensphilosophie geworden: "Jedes Ding hat seine Zeit" und "Leicht muss man sein, mit leichtem Herz und leichten Händen, halten und nehmen, halten und lassen". Und das Lassen ist das Schwierigste. Was gilt es im Leben nicht alles loszulassen? Ob das nun ein Freund ist oder die Eltern oder eben der Beruf: Wenn man, so wie ich, einen Beruf fünfzig Jahre lang ausgeübt hat und dann plötzlich sagt: "Finita la commedia!", dann ist das erste halbe Jahr zwar prima, aber anschließend fällt man in ein großes Loch.

Haben Sie Ihrer Einschätzung nach Ihre Karriere zum richtigen Zeitpunkt beendet?

Der Zeitpunkt war optimal. Aber wie gesagt: Zuerst fällt man in ein Loch und muss sein Leben neu organisieren. In schwierigen Situationen habe ich mir oft Texte in Erinnerung gerufen, die ich gesungen habe. Als mein Mann gestorben ist, fing ich an, Sonette von Pablo Neruda zu lesen. Das ist etwas, das der Beruf mit sich bringt: Es gibt so viele herrliche Texte, an die man denken kann, wenn einmal etwas passiert.

Ist es tatsächlich schwieriger, einen Liederabend zu gestalten, als in der Oper eine Hauptrolle zu singen?

Die Lieder sind das Schwierigste. Man muss sein ganzes Gefühl in den Text hineinlegen und steht nicht mit Schminke, Perücke und Kostüm vor dem Publikum, sondern als Person. Man lässt sich quasi von den Leuten ins Herz hineinblicken und zeigt seine Seele. Lieder von Hugo Wolf habe ich besonders geliebt, weil sie Musik und Poesie auf wundervolle Weise vereinen. Lieder wie diese bereichern das eigene Leben.

Wie groß ist beim Liedgesang der Spielraum der Interpretation? Schließlich gibt es Noten.
 
Gustav Mahler sagte, das Wesentliche der Musik steht nicht in den Noten geschrieben. Wenn man nur Noten singt, dann singt man Töne, das mag zwar wunderschön klingen, wird aber nach zehn Minuten langweilig. Maria Callas war eine der ganz wenigen, die eben nicht nur Töne gesungen haben. Sie vermochte es, dem Ton einen Ausdruck zu verleihen. Gerade in der Oper ist dies ungemein wichtig, schließlich will man ja auch von Menschen verstanden werden, die der jeweiligen Sprache, in der gesungen wird, nicht mächtig sind.

Wie erlangt man als Interpretin diese Kunst, die Seele im Gesang mitklingen zu lassen?

Meine liebe Mutter sagte zu mir: "Christa, ich hoffe, dass du dir die Stimme noch intakt behältst, bis du weißt, worum es sich handelt." Die Tragödie in diesem Beruf ist ja, dass man aufhören muss, wenn man Erfahrung gewonnen hat und tiefer in die Charaktere der darzustellenden Rollen einzudringen vermag. Im Alter von vierzig ist der Berg erklommen und man stellt sich plötzlich die Frage: Kann ich das? Bin ich das wirklich? Wie es in Büchners "Woyzeck" heißt: "Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt Einem, wenn man hinunterschaut." Dann beginnt man an sich zu zweifeln. Diese Phase gilt es zu überwinden.

Selbst wenn man ein Lied fünfzig Mal gesungen hat, wird es nicht leichter?

Nein, aber es wird immer schöner, weil man dieses Lied stets anders interpretiert. Schließlich bekommt man von Jahr zu Jahr eine andere Sicht auf den Text, man entwickelt sich ja menschlich und geistig weiter. Das ist das Herrliche, wenn man sich über einen langen Zeitraum hinweg die Stimme erhält und die erworbene Reife hineinlegen kann.

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