Fotos © Robert Wimmer

INTERVIEW Wiener Zeitung, Printausgabe 19. Oktober 2013

»Die Vielfalt des Lebens fasziniert mich«

Christine Dobretsberger im Gespräch mit Sigrun Roßmanith

Sigrun Roßmanith, Fachärztin für Psychiatrie und Gerichtsgutachterin, erklärt die Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Aggressivität, berichtet über spektakuläre Mordfälle und fordert eine Psychiatrie, die sich in das Denken der Täterinnen und Täter einfühlt.

Wiener Zeitung: Frau Roßmanith, in Ihrem neuen Buch "Sind Frauen die besseren Mörder?" gewähren Sie dem Leser Einblick in die Abgründe der weiblichen Seele. Nach der Lektüre gewinnt man den Eindruck, es wäre an der Zeit, sich vom Klischee zu verabschieden, dass Frauen per se friedfertigere Menschen sind als Männer.

Sigrun Roßmanith: Ich möchte vorausschicken, dass ich dieses Buch in Liebe zu Frauen und zum Frausein geschrieben habe, weil ich mich selbst von diesem Klischee der friedfertigen, lieben, braven Frau und Mutter - ich bin Mutter von drei Kindern - befreit habe. Ich habe erfahren, wie gut es tut, sich mit den eigenen dunklen Seiten zu befassen, anstatt diese ständig auszuklammern. Der Feminismus, der zweifelsohne viel für uns getan hat, hat allerdings auch ein sehr einseitiges Bild vermittelt, nämlich dass Frauen bessere Menschen sind als Männer. Und das stimmt nicht. Wir sind nicht die besseren und wir sind auch nicht die schlechteren Menschen.

Demzufolge auch nicht die friedfertigeren?

Ich glaube nicht, dass Frauen friedfertiger sind als Männer, sie neigen vielleicht weniger leicht zu Aggressivität und verfügen über andere Mechanismen der Konfliktbewältigung. Wenn sie aber zu Gewalt neigen und Gewalttätigkeiten verüben, dann unterscheiden sie sich meiner Meinung nach in der Brutalität überhaupt nicht von Männern.

Sie stellen in Ihrem Buch sogar die These auf, dass Frauen die besseren Mörderinnen sind, gleichzeitig aber nicht die schlechteren Menschen als Männer. Wie ist das zu verstehen?

Wenn man vorurteilsfrei einen Blick auf Gewalttäterinnen wirft, habe ich festgestellt, dass sie in ihrer Destruktivität oft kreativer sind als Männer. Ich beschreibe einige Fälle auch im Buch, beispielsweise die betrogene Frau, die dem treulosen geliebten Mann beim Küssen eine Zyankalikapsel in den Mund schiebt. Oder jene Frau, die unter dem Vorwand eines Küchenkaufs eine hohe Geldsumme vom gemeinsamen Konto abhebt, um so den Auftragsmord an ihrem Mann zu bezahlen. Das sind Geschichten, die kann man werten, oder man kann sie anschauen und sagen: Sie sind nicht gut, aber sie sind einfallsreich.

Abgesehen vom Einfallsreichtum - worin unterscheiden sich Mörderinnen von Mördern noch?

Im Unterscheid zu Männern sind Frauen bei der Tat weniger oft alkoholisiert, brauchen sich nicht Mut anzutrinken, um die Schwelle zu überschreiten. Wenn der Plan zum Mord in ihnen gereift ist, sind sie entschlossener, die Tat durchzuführen. Global betrachtet ist das Tatfeld nahezu ausschließlich die Familie.

Frauen sind in erster Linie Konflikt- und Beziehungstäterinnen?

Ja, mit Ausnahme von geisteskranken Täterinnen, die natürlich auch Zufallsopfer haben. Bei Beziehungsmorden gibt es Unterschiede hinsichtlich des Motivs. Frauen töten, um aus einer Beziehung herauszukommen, Männer töten, um den Besitz zu halten. Aber gerade dadurch, dass Frauen ihren Partner umbringen, baut sich eine lebenslange Bindung zum Opfer auf. Tatsache ist auch, dass, nehmen Frauen andere in den Tod mit, der Selbstmord meist mit untauglicheren Mitteln verübt wird und sie demzufolge öfter überleben, als wenn Männer dieses Vorhaben durchführen.

Gibt es auch Unterschiede bei der Wahl der Tatwaffe?

Männer verwenden für Selbst- und Fremdtötung öfter Schusswaffen als Frauen. Das häufigste Tatwerkzeug, zumindest in Österreich, ist aber immer noch das Messer. Um ihre geringere Körperkraft wettzumachen, müssen Frauen auch Hilfsmittel und Einfälle geltend machen. Meist wird das Opfer vorher wehrlos gemacht, häufig wird ihm ein Schlafmittel verabreicht oder es wird von hinterrücks attackiert. Aber auch jemanden im Schlaf zu strangulieren, ist nicht so einfach. Das Töten ist in jeder Hinsicht eine massive Grenzüberschreitung. Dennoch kommt es leichter dazu, als wir alle meinen. Mörderische Gefühle sind kaum einem fremd.

Gerade als Frau lebt man eher in der Angst Opfer zu werden, als überhaupt auf die Idee zu kommen, sich mit dem Gedanken auseinander zu setzen, zur Täterin zu werden.

Mein Buch hat das Anliegen, dass man sich diesen Gedanken stellt. Man unterschätzt die Kraft des Unbewussten, auch die Kraft der Gefühle. Ich denke, es gibt für die meisten Menschen eine Grenze, hinter der sie vor angewandter Gewalt nicht zurückschrecken würden. Aber diese Frage stellen sich die wenigsten. Natürlich ist es richtig, dass Frauen viel häufiger Opfer werden, letztlich fokussiert dieses Buch auf eine sehr kleine Gruppe von Täterinnen, dessen bin ich mir bewusst. Aber die Täterinnen, die ich im Buch beschreibe, haben sich im Nachhinein allesamt die Frage gestellt: "Wie konnte das passieren? Ich hätte das nie für möglich gehalten!" Oft kommt es vor, dass sich die Mörderinnen komplett von der Tat distanzieren, weil man mit diesen dunklen Seiten nicht umgehen kann. Man verbannt sie eher, als dass man sich mit ihnen auseinandersetzt.

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